Triebkräfte der Baubranche: Nachhaltigkeits-Aspekte

Die meisten Planer und Bauherren sind sich der Notwendigkeit und der Relevanz der Berücksichtigung von Nachhaltigkeits-Aspekten bewusst. Doch die Umsetzung ist nicht immer einfach, denn für jedes Projekt muss anhand des Orts, der Bauaufgabe und besonders der Wünsche des Bauherrn ein individueller Weg gefunden werden. Für nachhaltiges Bauen gibt es keine Standard-Anleitung, während für den einen die wirtschaftliche Nachhaltigkeit überwiegt, stehen bei anderen die ökologischen oder sozialen Aspekte im Vordergrund. Eine Umfrage des „European Architectural Barometer“ hat Architekten in den acht europäischen Ländern Großbritannien, Belgien, Frankreich, Spanien, Italien, Polen, den Niederlanden und Deutschland nach ihrem Verständnis von Nachhaltigkeit befragt. Welche Relevanz hat Nachhaltigkeit im Baualltag?*

*Alle folgenden Angaben sind dem European Architectural Barometer entnommen.

Welche Eigenschaften verbinden Architekten mit Nachhaltigkeit?

Das Themen- und Aufgabenfeld der Nachhaltigkeit wird – trotz einer sehr weiten Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten – in allen befragten Ländern hauptsächlich mit Energieeinsparung verbunden. An zweiter Stelle wurden jedoch in den meisten Ländern auch die Aspekte der Lebensdauer und Haltbarkeit genannt. Damit unterscheidet sich dieses Umfrageergebnis deutlich von dem aus dem Jahr 2014. Hier wurden neben dem Aspekt der Energieeffizienz besonders auch die monetären Ersparnisse mit dem Begriff des nachhaltigen Bauens verbunden. Dies ist auch in 2015 noch in Großbritannien und Deutschland so. Der Aspekt des langfristen Geldsparens wird noch immer als eines der wichtigsten Merkmale der Nachhaltigkeit genannt. In den restlichen Ländern kommt die finanzielle Ersparnis mit nur etwa 10 Prozent zum Tragen. Für die nachhaltige Produktwahl ist in allen Ländern ebenfalls die Energieeinsparung vorrangig. Aber auch Haltbarkeit und Langlebigkeit sind wichtige Aspekte. In Polen wurden auch geringe Wartungskosten und -aufwände als wichtiges Entscheidungskriterium genannt.

Sind Bauherren bereit, mehr für nachhaltige Projekte und Produkte zu investieren?

Anhand der Angaben der befragten Architekten ist die Nachfrage für nachhaltige Gebäude in allen europäischen Ländern mit Ausnahme von Polen sehr groß. Trotzdem gibt es auch in allen Ländern eine wieder wachsende Anzahl von Architekten, die keine Notwendigkeit darin sehen, in den Bau von nachhaltigen Gebäuden zu investieren. Die rein wirtschaftlichen Interessen überwiegen. Durch die Rolle der Architekten als Berater der Bauherren hat diese Entwicklung natürlich auch Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft der Auftraggeber. Insgesamt ist die Nachfrage jedoch hoch bei privaten Gebäuden wie Einfamilienhäusern. Aber auch der Anteil an nachhaltigen Nicht-Wohnobjekten im Bereich der Verwaltungs- und Bildungsbauten sowie im Gesundheitsbau ist gestiegen.

Welches ist das wichtigste Bauteil eines nachhaltigen Gebäudes?

Die wichtigsten Stellschrauben zur Erstellung eines nachhaltigen Baus sehen die befragten Architekten in einer guten Gebäudedämmung, gefolgt von der Fassade sowie der Konstruktion im allgemeinen. Besonders in Deutschland zeichnet sich hier jedoch eine andere Einschätzung ab. Als wichtigster Parameter werden hier die Fassade in Kombination mit der Wahl der Konstruktion und der Gebäudeausstattung wie Heizung-, Klima- und Lüftungstechnik gesehen. Die Gebäudedämmung ist weit abgeschlagen und erst auf den hinteren Plätzen angesiedelt. Dies ist sicherlich auf die in Deutschland sehr kontrovers geführte Diskussion um den Einsatz von Wärmedämmverbund-systemen zurückzuführen. Auch in den Niederlanden ist eine spezielle Entwicklung zu verzeichnen, hier werden nach der Fassade das Dach sowie die Elektroinstallation als wichtigste Stellschrauben für ein nachhaltiges Gebäude genannt.

Sind Nachhaltigkeitsnachweise und Lebenszyklusanalysen wichtig?

Viele der befragten Architekten geben an, dass sie keine Nachfrage nach Nachhaltigkeitszertifikaten erkennen können. Diese Angabe scheint zunächst erstaunlich, sind doch in der Immobilienbranche Zertifikate bereits zum absoluten Verkaufsargument avanciert. Nachvollziehbar ist hingegen die Erklärung, dass große Unsicherheit bezüglich der definierten Kriterien der Nachhaltigkeit herrscht. Bei den meisten Zertifikaten wie BREEAM, LEED, DGNB und HQE wird hauptsächlich die Energieeffizienz eines Gebäudes bewertet. Diese Bewertung wird auch als relevant eingeschätzt. Auffällig ist auch, dass keinerlei Zertifikate für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Produkten oder Materialien genannt wurden. Diese scheinen für den Bauherrn keine Rolle zu spielen. Im Gegenzug geben die Architekten jedoch an, dass Zertifikate von Herstellern die mit Abstand wichtigsten Aspekte für einen glaubhaft nachvollziehbaren Nachhaltigkeitsnachweis darstellen.
Die Umfrage hat gezeigt, dass nicht nur Bauherren und Auftraggeber wieder verstärkt von den Vorteilen und der Relevanz des nachhaltigen Bauens überzeugt werden müssen, sondern auch die Architektenschaft selbst. Durch eine Vielzahl von Ausprägungen und Zertifikaten und die Befürchtung das grüne Gebäude teurer werden, sind nicht nur Bauherren, sondern auch viele europäische Architekten verunsichert. Zu wenige haben dabei die langfristigen ökologischen aber auch ökonomischen Vorteile im Blick. Denn intelligent nachhaltiges Bauen kann beides – die Umwelt und den Geldbeutel schonen.

Die Umfrage hat gezeigt, dass nicht nur Bauherren und Auftraggeber wieder verstärkt von den Vorteilen und der Relevanz des nachhaltigen Bauens überzeugt werden müssen, sondern auch die Architektenschaft selbst. Durch eine Vielzahl von Ausprägungen und Zertifikaten und die Befürchtung das grüne Gebäude teurer werden, sind nicht nur Bauherren, sondern auch viele europäische Architekten verunsichert. Zu wenige haben dabei die langfristigen ökologischen aber auch ökonomischen Vorteile im Blick. Denn intelligent nachhaltiges Bauen kann beides – die Umwelt und den Geldbeutel schonen.